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Artikel: Strong Voices Interview #25: Kristina Lunz

Strong Voices Interview #25: Kristina Lunz

Kristina verkörpert nicht nur eine starke Stimme, sondern auch eine starke Stimme für den Wandel. Ich hatte das Vergnügen, sie im Januar in Berlin zum ersten Mal persönlich zu treffen, wo wir die Eröffnung des neuen Büros des Zentrums für Feministische Außenpolitik (CFFP) feierten und die Details dieser Partnerschaft zur Feier des Internationalen Frauentags festlegten. Ihre Art war einladend, einnehmend, fast beschützend vor der Einzigartigkeit jedes Einzelnen, ihr Gesicht in ein warmes Lächeln gehüllt - jeder war willkommen, unabhängig von seinem Vorwissen oder seiner Beteiligung an der Organisation. Zwischen allen, die zusammenkamen, um die Errungenschaften und die Vision des CFFP zu feiern, lagen Einigkeit und Leidenschaft fast greifbar in der Luft. Kristinas Authentizität in der Art und Weise, wie sie spricht und sich bewegt, nahm den Raum gefangen - die Werte und die Mission des CFFP, mit Integrität nach Gleichheit zu streben, waren eindeutig Teil ihres wahren Selbst.

ÜBER KRISTINA:

Kristina Lunz, die sich leidenschaftlich für die Gleichstellung der Geschlechter in der Außenpolitik einsetzt, entdeckte ihr Interesse am Feminismus während ihres Studiums der Politik und der Internationalen Beziehungen an der Royal Holloway, University of London. Ihr tiefes Eintauchen in die feministische Literatur inspirierte sie dazu, das Zentrum für Feministische Außenpolitik mitzugründen und als Expertin für Geschlechter- und Außenpolitik für verschiedene Organisationen, darunter die Vereinten Nationen und das Auswärtige Amt, tätig zu werden. Kristinas Engagement für die Priorisierung von Menschenrechten, Frauenrechten und menschlicher Sicherheit in allen Bereichen der Außenpolitik hat dazu geführt, dass sie als Autorin des Buches "The Future of Foreign Policy is Feminist" anerkannt wurde. Trotz Widerstand und Online-Gewalt hat Kristina mit ihren Beiträgen zur feministischen Außenpolitik maßgeblich dazu beigetragen, die globale Agenda für Geschlechtergleichheit und Frauenrechte voranzubringen.
Kristina Lunz

UNSERE FRAGEN:

Du bist bekannt und ausgezeichnet für deine feministische Arbeit - ehrenamtlich, sowie in der Politik. Aber mal einen Schritt zurück: Wie kam es zu deinem Interesse und deinem Engagement in diesem Bereich?

Ich bin mit Anfang/Mitte 20 zum Feminismus gekommen. Bei meinem Studium in London hatte ich erstmals Berührungen mit feministischer Literatur. Diese erklärte mir viele Gefühle und Erfahrungen, die ich über die Jahre zuvor gemacht hatte, beispielsweise wie mit mir umgegangen oder ich nicht ernst genommen wurde und meine Grenzen überschritten wurden. Zu Besuch in Deutschland sah ich die Titelseite der Bild-Zeitung, die dazu aufrief, den schönsten TV-Busen Deutschlands zu bewerten. Wahnsinnig erfolgreiche Frauen, welche auf ihre Brüste und Ausschnitte reduziert wurden. Ich war so wütend aufgrund der Degradierung dieser Frauen und damit aller Frauen. Immer, wenn wir als Gesellschaft eine Personengruppe objektifizieren - wie hier durch Sexualisierung - wird diese Personengruppe dehumanisiert. Dadurch sinkt die Hemmschwelle, Gewalt gegenüber dieser Personengruppe auszuüben. Überall auf der Welt ist die Prävalenz der männlichen Gewalt gegenüber Frauen massiv. In Deutschland versucht jeden Tag ein Mann seine (Ex-)Partnerin zu töten, jeden dritten Tag gelingt es ihm. Über 90% aller jungen Frauen geben an schon mal sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Ein Drittel haben stärkere Formen sexualisierter oder männlicher Gewalt erfahren. Ein wichtiger Antreiber war also tatsächlich Wut kombiniert mit feministischem Wissen.

Ich kann mir vorstellen, dass es nicht immer einfach war sich für Feminismus, Menschenrechte und Gleichberechtigung einzusetzen. Welchen Widerstand hast du auf deinem Werdegang erfahren?

Die erste heftige Online-Gewalt-Welle habe ich bei der Kampagne gegen die Bild-Zeitung abbekommen, als der damalige Chefredakteur Kai Diekmann mich auf Twitter verhöhnte. Das war meine erste Erfahrung mit Vergewaltigungsandrohungen, Drohungen gegen meine Familie, Beschreibungen sexualisierter Gewalt, Fantasien mir gegenüber und so weiter. Es gibt verschiedene Formen des Widerstands. Jetzige eher in außenpolitischen, diplomatischen Bereichen oder Bereichen, die sich in einer gewissen Schicht der Gesellschaft abspielen. Hier ist es subtiler - nicht eingeladen werden oder die Intellektualität absprechen. Als mein Buch herauskam, sprach ich verschiedene, im außenpolitischen Bereich bekannte Männer an, ob sie eine Rezession geben würden. Mir wurde gesagt, wie schlecht und gefährlich mein Buch sei. Widerstand durch Online-Gewalt, Hasskommentare, nicht ernst genommen zu werden, … - die Palette ist breit.

Du bist Gründerin und CEO von ziemlich vielen Organisationen, welche einen feministischen Ansatz und Außenpolitik verfolgen. Wie sieht in deinen Augen die ideale feministische Außenpolitik aus und was braucht es noch, um dieser näher zu kommen?

Am Mittwoch wurde eine Strategie für eine feministische Außenpolitik präsentiert. Damit hat Deutschland einen richtig starken Aufschlag gemacht. Es sollen Menschenrechte, Frauenrechte und menschliche Sicherheit in allen Bereichen bedacht und mit den Geldern mehr Projekte gefördert werden, die für Frauenrechten, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit arbeiten. Gemeinsam mit Island hat Deutschland im November eine Resolution in den Menschenrechtsrat eingebracht, um die Gewalttaten des iranischen Regimes zu dokumentieren. Und vieles mehr. Für meine Utopie von einer umfassenden, feministischen Außenpolitik braucht es noch viel mehr Geld für die feministische Zivilgesellschaft, welche der Haupttreiber für den sozialen Wandel ist. Auch wenn der Anteil internationaler Gelder, die für Gleichberechtigung und Frauenrechte ausgegeben werden, gestiegen ist, ging nur 1% davon an feministische, zivilgesellschaftliche Organisationen. Es braucht hier mehr Gelder und bessere Ideen, wie wir Gewaltstrukturen aus der Gesellschaft rausziehen, unter anderem durch Gegenliterarisierung und Abrüstung.

Im letzten Jahr hast du zu diesem Thema auch ein Buch veröffentlicht: Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch. Welche Botschaft möchtest du damit senden?

Wenn wir Sicherheit, Stabilität und Frieden für alle Menschen in der Gesellschaft erreichen wollen, geht das nur durch Feminismus. Feminismus als Bewegung geht seit 200-250 Jahren gegen patriarchale Strukturen vor. Das sind Gewaltstrukturen, welche auf der ungerechtfertigten Vormachtstellung von Männern in Staat und Familie basieren. Um diese aufrechtzuerhalten, gibt es ein sehr hohes Niveau an männlicher Gewalt gegenüber Frauen, der LGBTQIA+ Community, rassifizierten Menschen, ... Feminismus geht gegen dagegen vor, weil wir Sicherheit, Stabilität und Freiheit für alle wollen. Ein weltweiter, nachhaltiger Frieden für alle wollen, geht nur über Feminismus. Ohne Feminismus gibt es keinen Frieden.

Wo siehst du die größte Problematik in der heutigen politischen Welt, dass wir noch immer nicht bei Gleichberechtigung und Gerechtigkeit angekommen sind?

Die größte Problematik ist, dass historisch über privilegierte Menschen und Personengruppen an ihrer Macht und den Zugängen zu Ressourcen festhalten. Das heißt, die Zentrierung von Macht und Ressourcen vor allem in den Händen von Männern, insbesondere von weißen Männern des globalen Nordens.

Was kann in deinen Augen jeder Einzelne tun, um einen positiven Beitrag zugunsten des sozialen Wandels zu leisten?

Am wichtigsten ist es, Konventionen und Traditionen in Frage zu stellen. Warum zum Beispiel wird knapp 80% aller Sorgearbeit von Frauen geleistet, während Männer weiterhin am öffentlichen Leben teilnehmen, Karriere machen und noch mehr Zugänge zu Machtpositionen und Ressourcen bekommen? In Frage stellen, wieso es normal ist, dass über 90% aller Gewalttaten in unserer Gesellschaft - ob Belästigung, Extremismus oder Terrorakte - von Männern ausgehen und wie der Zusammenhang dazu ist, wie wir Jungs und Mädchen erziehen?

Deine Arbeit erfordert Mut, Selbstsicherheit, Leidenschaft und Überzeugung. Eine Kombination, welche vielen Frauen heutzutage schwerfällt. Welchen Ratschlag würdest du jungen Frauen geben, die am Anfang ihrer Karriere stehen und motiviert sind, etwas zu bewegen?

Mein Ratschlag ist feministische Literatur zu lesen und so zu verstehen, dass die vielen Herausforderungen, welche uns klein halten und zu unsicheren, nicht mutigen und nicht leidenschaftlichen Individuen machen keine individuellen, sondern systematische Probleme sind. Das Kleinhalten und zum Schweigen bringen von Frauen, das hat Systematik. Dies zu verstehen hat mich am meisten empowert, weil man aufhört sich selbst in Frage zu stellen. "Kann ich nicht gut genug verhandeln? Sind die Männer so viel besser? Wieso kann ich mich nicht überzeugender ausdrücken? Wieso werde ich immer unterbrochen?" Das hat nichts mit individuellen Frauen zu tun, sondern ist systematisch im Patriarchat.

Mit deinem Engagement stehst du viel in der Öffentlichkeit und hast wahrscheinlich nur wenige ruhige Minuten. Wie kannst du abschalten und wieder auftanken?

Die ruhigen Minuten in meinem Leben sind mir sehr heilig und ich bin strikt was meine private Zeit und mein Wochenende angeht. Ich mache sehr selten Termine, wenn dann nur ein bis zwei Essen mit Freunden, aber ich möchte Kalendereinträge am Wochenende absolut vermeiden. Ich bin sehr gut im mich abgrenzen und habe kein Problem damit "Nein" zu sagen. Das erlaubt mir aufzutanken und abzuschalten.

Zu guter Letzt: Hast du ein Mantra, welches dich im Laufe deiner Karriere begleitet und motiviert hat?

Ja, einige tatsächlich! Ich sage mal ein paar.

  1. "Carry yourself with the self-confidence of a mediocre white men."
  2. "Pure planning on their side does not mean stress on my side."
  3. Ganz wichtig, Michelle Obama: "When they go low, we go high." Egal wie nasty Leute sein können und dich attackieren oder niedermachen - niemals auf deren Niveau heruntergehen. Niemals.
  4. Zwei möchte ich noch sagen, die sehr stark mein Leben leiten: "The highest form of wisdom is kindness." und dann noch Pippi Langstrumpf: "Das haben wir noch nie probiert, also geht das sicher gut."
Kristinas Arbeit ist ein Beweis für die Bedeutung der feministischen Außenpolitik bei der Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und der sozialen Gerechtigkeit. Wir sind sehr stolz darauf, sie als unsere starke Stimme bei den Feierlichkeiten zum Internationalen Frauentag dabei zu haben.

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